Die Baumtheorie – Spinnerei oder realistisches sozialpsychologisches Konstrukt?

Ja, ihr habt richtig gelesen: die BAUMTHEORIE. Es wird in diesem Blogpost nicht um botanische Wunder oder allgemeine Naturtheorien gehen, sondern um uns Menschen. Wir Menschen, als Rudeltier und Gemeinschaftsanhänger. Bevor ich jedoch mit der eigentlichen, von mir ausgedachten, Baumtheorie starte, möchte ich auf die Grundidee des Ansatzes eingehen. Der Homosapiens stammt deutlich bewiesen vom Primaten ab und stellt deren Weiterentwicklung dar, die Baumtheorie bezieht sich dabei nicht auf den Wohnsitz der Affen, sondern wird vom sozialen Verhalten abgeleitet. Egal ob man es als Rudel, Gruppe oder allg. als Gesellschaft ansehen möchte. Wir alle sind Teil etwas Größeren und niemand hat das natürliche Verlangen allein zu sein. Selbst Einzelkämpfer haben Rückhalt von gewissen Personen und Bezugspunkten. Genau da setzt die Baumtheorie an, die ich im Ansatz einmal gehört und mir dann systematisch, tiefenpsychologisch aufgearbeitet habe.

Die aller erste Frage, die man sich zwangsläufig stellt ist: Warum Bäume? Die Erklärung und die Herleitung sind ebenso simple, wie verständlich. Die Assoziation zwischen dem menschlichen Sein und einem Baum ist nicht neu, sondern wird seit Jahrtausenden in Form von Stammbäumen zelebriert. In der Baumtheorie steht aber nicht die Familie und die genetische Verwandtschaft im Vordergrund, sondern man selbst und die Gesamtheit aller eigenen sozialen Kontakte.

Im Allgemeinen lässt sich die Theorie wie folgt zusammenfassen:

„Jeder Mensch ist sein eigener Stamm und seine Kontakte, Freunde und Familie sind einzelne Äste. Die Dichte, Dicke und die Form dieser ist dabei stark abhängig von dem psychologischen Bezug zu den Personen.“

Gehen wir nun etwas tiefer in die Theorie und veranschaulichen das Prinzip an Beispielen.

Wenn die eigene Persönlichkeit metaphorisch ein Stamm ist, ist besonders interessant, wie dieser Stamm beschaffen ist. Besonders die Dicke und die Wurzeln spielen eine tragende Rolle; im wahrsten Sinne des Wortes. Ich persönlich wäre ein Stamm mit mittlerweile 26 Jahresringen und einem tiefgreifenden Wurzelwerk. Während die Jahresringe selbsterklärend sind, ist die Beschaffenheit der Wurzel das interessante an einem Menschen. Tief verankert bedeutet, dass man sozial und vor allem familiär angekommen ist und guten Rückhalt genießt. Dieser schützt vor jedem Sturm, dem man im wechselnden Wetter „Leben“ ausgesetzt ist. Menschen mit schwachen sozialen Kompetenzen und oberflächlichen Kontakten haben demnach evtl. großflächigere Wurzeln, aber nicht so tiefgründige. Dies kann bei Turbulenzen schnell zum Fall des Stammes bzw. des persönlichen Ichs führen, egal wie viele Jahresringe scheinbar für Stabilität sorgen sollen. Die engsten Freunde und die Familie sind für mich also nicht nur die wichtigsten Äste in dieser Theorie, sondern auch die Grundlage für meine eigene Verwurzelung. 

Gehen wir nun auf die Größe und Form des Baumes ein und welchen Einfluss diese Elemente auf das eigene soziale Umfeld haben. Der Baum ist chronologisch aufgebaut, sodass die Äste in Bodennähe am längsten Bestandteil des Lebens sind, deshalb sind langjährige Freunde und Familie die dicksten und größten Äste. Verfolgt man dann den Aufbau des Baumes nach oben kann man nach und nach die Bekanntschaften und Menschen darstellen, die über die Jahre dazu gekommen sind. Jeder Mensch stellt einen eigenen Spross dar, der über die Jahre größer werden kann. Manche wachsen schnell, manche wachsen langsam über Jahre oder wiederum andere verkümmern mit der Zeit. Diese grundlegende Theorie lässt den Baum mit jedem neuen Kontakt ein Stückchen in die Höhe gehen, wodurch nun die Form des Baumes relevant wird. Um diese Thematik vereinfacht zu veranschaulichen unterteile ich die möglichen Bäume in drei Formen: Pappel, Lärche und Kastanie.

Pappel

Die Pappel ist die Form, die die schwächsten zwischenmenschlichen Relationen darstellt. Sie wächst relativ schnell in die Höhe, aber durch die fehlende Breite, sind die vielen Kontakte meistens oberflächlicher Natur und sind so schnell, wie sie entstanden sind, auch wieder vorbei. Auch kein wirklich stabiler und großer Rückhalt von der Familie ist charakteristisch für die Pappel, was man auch am kleinen und flachen Wurzelwerk erkennt

Lärche

Die Lärche stellt die meist verbreiteste Form dar und überzeugt mit einem fundierten und stabilen Rückhalt und einem guten Wurzelwerk. Mit der Zeit werden aber viele Bekanntschaften oberflächlicher und somit spitzt sich die Form nach obenhin zu. Dies passiert aber nicht gleichmäßig, sondern vereinzelt wechseln sich breitere mit schmaleren Ästen ab. Genau aus diesem Grund kann man sich meistens mit dieser Form am ehesten vergleichen, wenn man ein sehr misstrauischer und durch die Vergangenheit geprägter Mensch ist. Je jünger die Kontakte desto oberflächlicher die Realtion zu diesem. Erst über längere Zeit zeigt sich ob dieser Kontakt zu einem breiten tragenden Ast wird oder ein schmalerer Spross bleibt.

Kastanie

Die Kastanie ist die absolute Idealform und fast unmöglich zu erreichen. Sie vereint alle Ideale der Theorie: großer Rückhalt durch Familie und Freunde, teifgründiges und stabilstes Wurzelwerk, viele langjährige und gefestigte Kontakte und ein hohen Vertrauensgrad bei neuen Bekanntschaften. Die Kastanie wächst dementsprechend langsamer, dafür aber wesentlich stabiler.

Man kann natürlich nicht jeden Menschen zu diesen drei Formen zählen, da man auch mit einer steigenden Anzahl an Jahresringen, Erfahrungen, Reife und Ereignissen die Form kontinuierlich wechseln kann oder es individuelle Abweichungen in den Formen geben kann.  Dennoch muss ich zugeben, dass ich bei dieser von mir ausgedachten Baumtheorie plötzlich die Wertigkeit meiner sozialen Kontakte und den Aufbau meines bisherigen Lebens ganz anders betrachtet habe. Während ich immer davon ausgegangen bin zur Kategorie Kastanie zu gehören, habe ich gerade als Single gemerkt, dass sich immer mehr Eigenschaften der Lärche eingeschleust haben. Ist dies jetzt schlecht?

In meinen Augen, Nein! Jede Theorie hat seine Daseinsberechtigung und ihre eigene persönliche Historie und jeder Mensch entscheidet selbst, wie er sich verhält und was er aus seinem Leben macht. Als Außenstehender kann man natürlich leicht über andere Baumformen urteilen, aber wenn man sich selbst reflektiert, merkt man, wie verschwommen die Grenzen eigentlich sind. Ich finde es super interessant und stelle jedem auch die Frage zu welchem Baum er sich zählen würde, so banal und creepy es auch klingen mag. Hat man einmal dieses Grundprinzip der Baumtheorie verinnerlicht, sieht man Beziehungen, Verhältnisse und Relationen zu seinen Mitmenschen mit ganz anderen Augen.

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