Polygamie = Liebe 3.0?

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Im dritten und letzten Teil meiner „Sexpredigt“ möchte ich auf die, immer mehr im Trend liegende Beziehungsart, Polygamie eingehen. Ich werde den Unterschied zu einer offenen Beziehung aufzeigen und anhand meiner Erörterung und einem Interview einer Freundin Vor- und Nachteile des gesamten Konstrukts darstellen.

Ich liebe Sneaker! Ich liebe den Nike AirMax 1/97 Sean Wotherspoon genau so sehr, wie ich den Nike Jordan 1 Chigago liebe. Niemand würde bei diesem Beispiel auf die Frage kommen, ob der eine Schuh sich daran stört, dass ich auch den anderen liebe! Die Banalität dieses einen simplen Beispiels zeigt genau die Problematik des heutigen Themas auf. Wir Menschen legen uns nie wirklich fest, wir lieben so viele Dinge. Seien es viele kulinarische Gerichte, verschiedene Kleidungsstile und -stücke oder eben unterschiedliche Musikrichtungen. Wir wollen uns einfach nicht auf ein was festnageln. Warum reagieren wir aber beim Thema Liebe und Sex so streng und wollen uns, teilweise verkrampft, auf eine Person konzentrieren? Wir gehen überstürzte Beziehungen ein, binden uns (mit der Vorgabe für immer zusammen zu bleiben) und führen das von der monogamen Gesellschaft für uns vorgelebte Leben. Heiraten, niederlassen, Familie gründen und eines Tages wachen wir morgens auf und bereuen die Entscheidung, unser bisheriges Lebens nur mit dem einen Sneaker verbracht zu haben. Wir sind unzufrieden, fangen an uns zu belügen/betrügen und trennen uns schlussendlich. All die Arbeit und die Emotionen, die man jahrelang in eine Person investiert hat sind mit einem Moment ausgelöscht. Wer meine anderen Blogposts zum Thema Liebe und Sex gelesen hat weiß, dass es heutzutage immer schwerer wird noch wahre Liebe zu finden, geschweige denn den richtigen Partner. Man hat Angst sich „für immer“ zu binden, ist sich unsicher was man überhaupt möchte oder ob man bereit für das große Mysterium Beziehung ist und sind wir mal ehrlich, 80% der Beziehungen scheitern früher oder später, weil man sich persönlich einfach weiterentwickelt. Man entwickelt neue Interessen, Vorlieben, Geschmäcker etc., was ein völlig normaler, natürlicher Prozess ist. Dabei bleiben jedoch oft die Partner auf der Strecke, die sich langsamer oder in eine andere Richtung entwickeln. Warum also nicht parallel mehrere temporäre Liebespartner haben, die sich perfekt ergänzen und einen glücklich machen? Da es bis heute verpönt ist heimlich „mehrgleisig“ zu fahren, musste eine Lösung her. Mit der Zeit hat sich eine eigene Beziehungsart entwickelt, die die Standard-Beziehungsstatus ergänzt: Die Polygamie. Doch was genau ist diese Polygamie?

Polygamie ist die langfristige Beziehungsform mit mehreren Partnern. Beide Partner können neben der eigenen Beziehung auch noch beliebig viele andere Beziehungspartner haben, die sie lieben. Das ist auch der gravierende Unterschied zu einer offenen Beziehung. In dieser hat man einen festen Partner, den man liebt und alle weiteren Partner dienen lediglich der sexuellen Bedürfnisbefriedigung. Beide Konstellationen basieren aber auf absoluter Ehrlichkeit und Offenheit. Alle Beteiligten wissen mehr oder weniger voneinander und alles passiert im Einverständnis und Vertrauen. Eifersucht wird dabei völlig ausgeklammert.

Bis zu diesem Punkt klingt der Ansatz der Polygamie, auch für mich bisher monogam lebenden Menschen, plausibel, nachvollziehbar und auch irgendwo reizvoll. Nur schießen mir im selben Moment tausende Fragen in den Kopf, wie die scheinbar simple Theorie in der Praxis umsetzbar sein würde. Weil ich das nicht einfach so beantworten kann, habe ich eine polygam-lebende Freundin interviewt und sie mit meinen Fragen gelöchert, um nicht nur mir sondern auch euch ein ganz anderen Blickwinkel auf dieses Thema zu geben.

Was ist deine Meinung zu Polygamie und einer offenen Beziehung?

 Es ist eine sehr komplexe Frage, die ich nicht mit einem „find ich gut“ oder „gar nicht meins“ beantworten könnte. Mehr oder weniger ist es eine L(i)ebensweise, für die man sich entscheidet, egal ob für immer oder nur eine bestimmte/unbestimmte Zeitdauer. Jeder muss sich selbst die Fragen stellen „Will ich das?“ und „Kann ich das?“, wobei die meisten die zweite mit einem NEIN beantworten werden. Die Vorstellung ist einfach, jedoch erfordern beide Beziehungsformen manchmal sogar mehr Arbeit, als eine gewöhnliche monogame Beziehung.

Wo ist für dich der Unterschied zwischen einer offenen Beziehung und Polygamie?

 Für mich persönlich ist der gravierende Unterschied zwischen diesen beiden Liebesformen, dass zu einer offenen Beziehung viel mehr Vertrauen, Alltag und „Normalität“ zwischen zwei Menschen, die die Hauptbeziehung führen, gehört. Das heißt, dass sich die Paare, die sich für diese Art der Liebe entscheiden, genauso über dreckiges Geschirr oder schmutzige Socken, die in der Ecke liegen, streiten. Beide führen also eine ganz gewöhnliche Beziehung, wie jeder andere monogam Vergebene auch. Sie schränken sich lediglich sexuell nicht so ein. Aber auch bei Polygamie kann das Vertrauen groß und der Alltag langweilig und normal erscheinen. Muss aber nicht! Man hat somit keine Hauptbeziehung, sondern mehrere einzigartige Beziehungen. Alles eine Sache von Wollen, Können und Dürfen. Dürfen ist das Schlagwort. Man darf alles, solange ALLE damit einverstanden sind.

Wie würdest du deine jetzigen Beziehungen bezeichnen?

Die anderen nennen es „Freundschaft Plus“ oder „Affären“, doch da bin ich einer anderen Meinung. Eine Affäre kann man mit einer X beliebigen Person haben z.B. dem Arbeitskollegen aus der anderen Abteilung. Da sind keinerlei Gefühle im Spiel. Alles ausgelöst durch Reize und Triebe. Eine Freundschaft Plus ist eine plumpe Umschreibung für etwas, was aus der Norm fällt und hat sich in unserem Sprachgebrauch etabliert. In diese Schublade werden alle Sexualpartner gesteckt, mit denen man mehr als nur einmal schläft.

Habe ich „Freundschaften“ zu diesen zwei Männern? Ja. Schlafe ich mit beiden? Ja. Doch die Frage nach den Gefühlen bekommt man nie gestellt. Und genau das ist der ausschlaggebende Punkt für etwas, was über eine „Freundschaft Plus“ hinausgeht und in einer Polygamie mündet.

Woher kam der Gedanke so eine Art der Beziehungen zu führen?

Erfahrungen aus früheren Beziehungen, „Schutzmauern“, gekränkter Stolz auf Grund des Verlassenwerdens…wer weiß das schon. Man steht nicht eines Morgens auf und sagt sich, dass ich ab heute polygam lebe. Alles was einem widerfährt prägt uns. Vielleicht ist es die Reizüberflutung auf dem Singlemarkt, vielleicht mein Zeitmangel für etwas Ernsthaftes. Eins weiß ich, ich will mir nichts verbieten müssen und vor allem lasse ich mir von anderen nicht gern Grenzen setzen. Stell dir vor, dass du in einem Süßigkeitengeschäft bist. Kannst du das Popcorn und die Zuckerwatte riechen? Und jetzt musst du dich auf einmal für eins davon entscheiden, obwohl du doch beides so gern isst. Wählst du das Popcorn, dann garantiere ich dir, dass du spätestens beim Verlassen des Geschäfts noch mehr Lust auf Zuckerwatte bekommst und andersrum genauso. Also gönn dir lieber beides und iss dich glücklich und satt.

Wie gehst du mit Eifersucht, Verlustängsten und dem emotionalen Besitz um?

Wir wollen aber auch echt alles für uns haben. Teilen unerwünscht. Doch wer gibt uns das Recht raus über den Körper und Geist eines anderen Menschen bestimmen zu dürfen? Klar auch ich empfinde sowas wie Eifersucht und Angst etwas zu verlieren, was ich doch so gernhabe, aber nicht in dem Ausmaß. Es reicht nicht aus mit jemandem anderen zu schreiben, um mich auf die Palme zu bringen. Ich „liebe“ zwei Männer auf zwei völlig unterschiedliche Art und Weisen. Ich vergleiche nicht. Es gibt keine Skala oder Rankings. „Liebe“ ist kein Wettbewerb. Und so lasse auch ich mich nicht vergleichen, oder gar vergleiche ich mich selbst mit den anderen. Nur so kann man die Eifersucht umgehen bzw. eindämmen.

Ist das für dich das Ideal einer Relation zwischen zwei Menschen?

Ideale gibt es nicht. In einer monogamen Beziehung hat man ein Problem und das ist meistens die bessere Hälfte. In einer Polygamie hat man somit mehrere „Probleme“. Es kostet viel Kraft und Nerven und ist vor allem in der Etablierungsphase ein Großbauprojekt mit vielen Hürden, Höhen und Tiefen. Bis sich alle aufeinander eingespielt haben, dauert es viel länger als in einer klassischen Beziehungsform. Doch hat man die Regeln festgelegt, das Privileg der Freiheiten und den Luxus sich nicht entscheiden zu müssen, wen man mehr „liebt“, genossen, so beginnt der schöne Teil der Beziehungen. Derzeit ist es das Ideal für mich, aber wer weiß was die Zeit mit sich bringt. Eins weiß ich aber: Früher oder später kommt jeder an den Punkt, an dem man sich nach mehr sehnt. Entweder gibt man an der Stelle das Geliebte auf, geht fremd oder man erweitert einfach seinen Horizont und das guten Gewissens.

Warum möchtest du dieses Interview anonym halten?

Die gleiche Frage kann man einem anonymen Alkoholiker stellen: Weil man nicht verurteilt oder in eine Schublade gesteckt werden möchte. Wären wir alle so weltoffen und tolerant, wie wir es von uns behaupten, dann würden wir uns einen Dreck darum scheren, mit wem die Nachbarin von nebenan schläft. Wir sind zu neugierig dafür und regen uns gern über banale Dinge auf.  Ich möchte keinen Stempel auf der Stirn tragen.

Und genau mit dieser letzten Frage richte ich die Pistole wieder auf die Brust der Gesellschaft, wir sind so verkorkst und fixiert darauf andere zu beurteilen, über deren Probleme, Situationen oder eben Sexpartner zu debattieren, dass wir uns selbst komplett aus den Augen verlieren. Das Interview war eines meiner intensivsten und interessantesten Gespräche seit langem, weil auch wenn die Theorie wieder plausibel klingt, kämpft man an mehreren Fronten in einer polygamen Beziehung. Auch der Stellenwert in der Gesellschaft macht ein gleichberechtigtes und respektvolles Miteinander fast unmöglich, da man automatisch urteilt. Auch ich gebe zu, dass ich vor dem Interview ein paar Vorurteile im Kopf hatte und in erster Linie dachte, es geht einfach nur um einen Weg „legal“ mit mehreren Menschen Sex zu haben. Diese dumme und beschränkte Einsicht habe ich mittlerweile abgelegt und das Beziehungskonstrukt ist in meinen Augen, in Zeiten des so rapiden Wandels, der Schnelllebigkeit und der Reizüberflutung, einer der besten Möglichkeit Gefühle, Zeitmanagement und sexuelle Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Ist das die Liebe 3.0? Natürlich rein theoretisch, praktisch könnte ich mir persönlich im Moment nicht vorstellen, dass ich eine Frau teilen könnte bzw. auch reinen Gewissens zwei Frauen gleich lieben könnte. Die abschließende Frage ist nur, woher kommt das schlechte Gewissen? Wer gibt uns vor, dass wir  uns nach der monogamen gesellschaftlichen Norm richten sollen und warum ist ein polygames Konstrukt, wo jeder Mitwirkende glücklich ist so verpönt in der heutigen modernen Gesellschaft? Wieder Fragen über Fragen, die man nur für sich selbst beantworten kann. Ich bin wirklich gespannt, was ihr zu dem Thema in die Kommentare schreibt.

 

Teil 1 “Sexpredigt”: http://www.philippldrs.de/2018/08/26/generation-porno/

Teil 2 “Sexpredigt”: http://www.philippldrs.de/2018/09/07/sex-meets-beziehungsstatus/

Darin 2.0 | Paradoxon Liebe: http://www.philippldrs.de/2018/02/11/dating-2-0-das-paradoxon-liebe-im-21-jahrhundert/

Generation Beziehungsunfähig: http://www.philippldrs.de/2017/04/16/real-talk-generation-beziehungsunfaehig-tinder-lovoo-co/

4 thoughts on “Polygamie = Liebe 3.0?

  1. Wahre Worte. Vor allem der Appell in seiner eigenen Scheiße zumzuwühlen, anstatt die anderen zu verurteilen, ist großartig 👏🏻

    1. So sieht’s aus, leider sind die Probleme anderer immer interessanter als die eigene 🤦🏽‍♂️ Und Vorurteile, Gerüchte und Lügen beherrschen das Weltbild der Gesellschaft…

  2. Super spannendes Interview.
    Dass Du das als beste Möglichkeit siehst, in unserer Zeit Gefühle, Zeitmanagement und sexuelle Bedürfnisse unter einen Hut zu kriegen, ist eine interessante These. Muss ich auf jeden Fall noch einmal drüber nachdenken.
    Obwohl ich mir aktuell überhaupt nicht vorstellen kann, polygam zu leben, muss ich sagen, dass der Gedanke reizvoll ist. Mit dem Anspruch, alles in einer Person finden zu wollen, setzt man sich selbst und andere zu sehr unter Druck. Polygamie könnte „helfen“, diesen idealisierten Anspruch abzulegen und potenziellen Partern entspannter begegnen zu können.
    Komischer Gedanke – umständlich formuliert. Hoffe, Du weißt, was ich meine. 😉

    Liebe @ P
    M

    1. Hey, danke für dein ausführliches Feedback. In der Tat ist es mir auch im Moment fremd polygam zu leben, dennoch kommt man nach dem Interview ins nachdenken, ob dies wirklich eine plausible Option bzw. Alternative sein könnte in Zukunft und dabei meine ich nicht primär wegen den reizvollen Faktoren. Ich bin mir genau so unschlüssig, aber es ist definitiv ein interessantes (Tabu-)Thema.

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