Generation Porno?! | Sexualität im 21. Jahrhundert

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Generation Porno! | Sexualität im 21. Jahrhundert

Bei den Themen Liebe, Glück, Freundschaft habe ich so einige gesellschaftliche Kritikpunkte offen angesprochen und viele Tabugrenzen tangiert. Langsam finde ich, wird es aber Zeit, tiefer bei manchen Tabuthemen zu bohren und welches Thema eignet sich dafür wohl am besten? Genau, das größte Tabu: das öffentliche Reden über die Sexualität!

Ein Thema, dass so prägnant und allgegenwärtig ist, muss einfach mal offen angesprochen werden. Ich finde die gespielte Scham, die Intoleranz der Gesellschaft und die gekünstelte Zurückhaltung bei diesem Thema ziemlich lächerlich, da wir alle mit einem Sexualtrieb geboren wurden und auch fast niemand behaupten kann, Sex würde keinen Spaß machen. Warum es aber pietätlos ist, offen über Sexpartner, Praktiken, Vorlieben, Tabus oder Fantasien bei Dates oder unter Freunden/Bekannten zu sprechen, was Pornos und die Digitalisierung damit zu tun haben und wieso unsere Gesellschaft sich komplett selbst verpestet, mit ihrer verklemmten Haltung, versuche ich in diesem Blogpost auseinanderzunehmen.

Beginnen wir aber beim Urschleim. Ich bin nun seit knapp 26 Jahren vorhanden und vor knapp 10 Jahren hatte ich meine erste sexuelle Erfahrung. Ich würde lügen, wenn ich leugnen würde, dass gerade die Sexualität meine Pubertät, meine Entwicklung und meinen Werdegang stark geprägt hat. Damit meine ich auch die Einflüsse der Mode, Musik, Stars, politische Bewegungen und vor allem die der sozialen Netzwerke und des Internets, die Sexualität in irgendeiner Form thematisieren. Ich bin jedoch auch der Meinung, dass ich in einer Zwischengeneration groß geworden bin und man in „damals“ und „heute“ differenzieren muss, was natürlich lächerlich klingt bei der Zeitspanne von circa 10 Jahren. Dennoch gibt es einige gravierende Unterschiede, die die heutige Generation von meinen Anfängen abgrenzt – wie ich finde.

Zur kleinen systematischen Veranschaulichung trenne ich mal die sexuellen Erfahrungen in vier große Bereiche: Den Erstkontakt, das 1. Mal, den sexuellen Werdegang und den Supergau.

Der Erstkontakt

Bevor man irgendwann selbst die Erfahrung mit Sex macht, wird man natürlich vorher schon darauf vorbereitet. Die einen mehr, die anderen weniger und die einen früher, die anderen später. Egal, ob die ersten Berührungspunkte mit Sexualität im Bio-Unterricht, zu Hause, etwa durch die Aufklärung der Eltern oder durch das Fernsehen und Internet auftreten, es gibt definitiv genug Möglichkeiten, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Auch der eigene Körper entwickelt sich in den Anfängen der Pubertät in sexueller und körperlicher Hinsicht extrem, was der beste Beweis dafür ist, dass uns der Sexualtrieb innewohnt. Differenzieren muss man nun in den Möglichkeiten des Zugangs zu solchen ersten Berührungspunkten. Zum einen spielt da die Digitalisierung eine große Rolle – positiv, wie auch negativ – und zum anderen unsere verklemmte Gesellschaft. Wo man früher noch lange auf die „sexy Sportclips“ beim DSF warten musste, ist heute der Zugang zu pornografischen Materialien sehr leicht und vor allem ohne Alterskontrolle möglich. Was damals ein Busen oder ein nackter Hintern waren, sind heute Hardcore-Pornos, Gangbangs und Bukkake-Partys. Völlig klar, dass bei solch freizugänglichen Ü18-Materialen Jungs und Mädels in ihren sexuellen Anfängen ein völlig verschobenes Bild von der Sexualität bekommen. Daraus kann sich dann eine verheerende Kettenreaktion bilden, die durch das „unter den Tisch kehren“ der Gesellschaft von diesem Tabuthema auch nicht gestoppt oder abgeschwächt werden kann.

Das 1. Mal

Als ich vor knapp 10 Jahren mein erstes Mal hatte, wäre „Anfänger“ in diesem Bereich noch ein Kompliment für mich gewesen. Klar, ist man als pubertierender „Möchtegern-Mann“ der Auffassung, man wäre der größte Liebhaber der Welt, aber man wird dann doch recht schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt (runtergeholt wäre jetzt nicht das passende Wort). Bei manchen dauert diese Einsicht bis heute nur 1-2 min und das nicht nur beim 1. Mal, wenn ihr versteht was ich meine. Aber auch, wenn diese männliche Selbstüberschätzung bis heute evtl. gleichgeblieben ist, gibt es auch hier, basierend auf den vorherigen Berührungspunkten mit Sexualität, Unterschiede von der damaligen zur heutigen Jugend. Was damals die Fachkenntnisse über Sexualität und die nackten Körper in der Bravo bei Dr. Sommer waren, sind heute der bewusste oder unbewusste Pornokonsum und was früher das reine körperliche Herantasten war, ist heute die Auffassung, dass  auch das erste Mal komplett pornomäßig durchinszeniert und mit den wildesten Praktiken bzw. Hilfsmitteln gefüllt sein muss. Darüber hinaus wird das Durchschnittsalter immer niedriger (was bei mir bei 16 war, ist heute bei 13-14) und die Anforderungen/Ansprüche für Jungen und Mädchen werden immer härter/höher. Wie soll da ein gesundes Gefühl zum eigenen Körper und dem Partner aufgebaut werden, wenn man mit einer unechten Pornowelt von riesigen Penissen, Dauergeilheit, perfekten Models und verdummten sexistischen Dialogen aufwächst und wie entwickelt sich dann der persönliche sexuelle Werdegang weiter?

Der sexuelle Werdegang

Dass Männer öfter Pornos schauen als Frauen, wurde ja schon mehrmals statistisch bewiesen. Ich zweifle zwar etwas an der Glaubwürdigkeit solcher Statistiken, da ich der Meinung bin, Frauen geben es einfach nicht so frei zu, aber wie auch immer man es sehen möchte, Fakt ist; die Digitalisierung und vor allem Pornos beeinflussen den sexuellen Werdegang extrem. Man sollte aber auch nicht den allgemeinen Einfluss der Medien vergessen, die uns in Filmen, Musikvideos, Werbungen etc. beiläufige sexuelle Ideale suggerieren. Dazu brauch man also keine Pornos, sondern es reicht eine Romanze im Kino, das neue Rap-Video im Netz, das neue Bikinifoto deines Lieblingsmodels auf Instagram oder die Amorelie-Werbung im Nachmittags-TV. An jeden erdenklichen Stellen vermittelt uns die digitale Welt erotische Reize, Andeutungen und Verlockungen oder zeigt durch Emanzipations- und Sexismusdebatten neue Blickwinkel auf das Thema Sexualität auf. Alles in allem ist und bleibt es eine riesige Reizüberflutung. Durch diese direkten und indirekten Einflüsse, dem bewussten und unterbewussten Pornokonsum und den eigenen sexuellen Erfahrungen versuchen wir nun nach und nach, einen eigenen Standpunkt gegenüber unserer Sexualität zu entwickeln. So streichen die Jahre ins Land und man sammelt allmählich positive, wie negative Erfahrungen.

Ob verschiedene Sexualpartner, Vorlieben, Fantasien, Tabus, Ekel oder desaströse Geschichten, wir inhalieren erst einmal jeglichen Input. Wir sammeln Informationen zu allen möglichen Gebieten und tasten uns an neues heran, wobei jeder Mensch sich selbst für die eine Sache mehr und die andere weniger interessiert. Die direkte Assoziation von Liebe, Beziehung und Sex klingt dabei zwar logisch, ist aber gleichzeitig ein Hauptgrund des heutigen gesellschaftlichen Zwists, den ich in der Einleitung erwähnt hatte. Jeder Mensch durchläuft automatisch den sexuellen Werdegang, egal ob schneller, ob langsamer, ob positiver, ob negativer, ob heterosexuell oder ob homosexuell, aber die offene Sprache darüber oder der direkte Austausch ist in unserer Gesellschaft meist nicht integriert. Bestes Beispiel für diese Hypothese ist die Intoleranz von homosexuellen Menschen in der Historie der Menschheit. Auch wenn dies mittlerweile in vielen Teilen der Welt akzeptiert ist, gibt es doch noch gesellschaftliche Hemmschwellen, offen über Sexualität zu sprechen. Sei es die Eigene bei Dates oder unter Freunden und Bekannten oder über die Sexualität anderer Menschen. Es ist und bleibt ein Tabuthema in der pietätvollen monogamen Gesellschaft und andere zwischenmenschliche Relation, wie z.B. Liebe, Beziehungen, Status oder Besitzverhältnisse, werden vorrangig behandelt. Dabei wissen wir alle, dass die Sexualität alle zwischenmenschlichen Relationen stark beeinflusst. Diese Erfahrung wird jeder gemacht haben, der schon einmal Sex hatte, sich in irgendeiner Art einer Liebesbeziehung befand, den Lehrer/in, Kollegen/in oder Kumpel/ine attraktiv fand und/oder in den digitalen Medien vorgelebt bekam, welche Macht der Wohlstand, die Bekanntheit und der Reichtum auf das andere Geschlecht haben. Ich verurteile diesen Einfluss auch nicht, da ich ihn selbst schon oft positiv, wie negativ erfahren musste, dennoch bedeutet es nicht, dass ich ihn gutheiße. Allgemein wird dieser Einfluss durch die Digitalisierung mehr und mehr verstärkt und diesem Trend des sexuellen Werdegangs muss man entgegenwirken, bevor es zu spät ist.

Dies soll aber nicht heißen, dass die Digitalisierung nur schlechte Aspekte für die Sexualität bringt. Es gibt nämlich auch einige sehr positive Effekte, z.B. die Fülle an Informationen zu heiklen Themen, wie Geschlechtskrankheiten oder die Vielzahl an ehrlichen direkten Erfahrungsberichten, die in der Gesellschaft so nicht öffentlich geteilt werden. Auch gewissen Genres von Pornos können eher hilfreich als verstörend wirken und man kann durch die visuellen Praktiken auch Dinge erlernen. Die Leichtigkeit über digitale Medien an freizugängliche Quellen zu kommen, ist also irgendwo ein positiver Effekt. Die Frage ist nun nur, worin endet der sexuelle Werdegang, woher kommt die Verklemmtheit der Gesellschaft und wieso leben wir jetzt in der Generation „beziehungsunfähig und abgestumpft“?

Der Supergau 

Kommen wir dann zum letzten der vier Teile: der Supergau. Jeder von euch kam oder kommt an den einen Punkt, wo es ihm die Augen öffnet, wie “verkorkst” man selbst und auch irgendwie diese Gesellschaft eigentlich ist. Das kann im Moment sein, wenn man sich auf Dating-Apps anmeldet, mal wieder die x-te Beziehung in die Brüche geht, sich der Alkohol als schlechte Einleitung für ein One Night Stand etabliert, man anfängt aus Langeweile statt aus Lust sich selbst zu befriedigen bzw. Sex zu haben, die Anzahl an Sexualpartner direkt proportional zur emotionalen Abstumpfung steigt oder man scheinbar immer nur Arschlöcher oder Psychotanten anzieht. Dann kommt die berühmtberüchtigte Frage: „Liegt es eigentlich an mir selbst oder warum habe ich kein Glück?“

JA, es liegt an DIR, an MIR, an UNS! Und mit Glück hat das wenig zutun, denn allein das Resonanzprinzip oder Gesetz der Anziehung zeigt uns systematisch auf, dass wir unseres eigenen Glückes Schmied sind. Egal ob single oder vergeben, wir durchlaufen alle 4 Bereiche der sexuellen Entwicklung und durchleben auch alle den sogenannten „Supergau“. Dort angekommen fangen wir an uns zu verstellen oder selbst zu belügen, um die Tatsache des eigenen Supergaus zu verschleiern. Wir reden also weniger über das Thema, verurteilen andere schneller in ähnlichen Situationen und drehen uns kontinuierlich im Kreis, verfolgt von Scham und Lust. Die Summe aus vielen einzelnen sich verstellenden Menschen bildet dann die heutige teilweise sehr intolerante Gesellschaft und somit das Hauptproblem in diesem Blogbeitrag. Die Frage ist dann nur, wie gehen wir mit dieser Situation um, machen wir einen Fortschritt und lernen offener mit der eigenen Sexualität und der von anderen umzugehen oder trampeln wir auf der Stelle weiter im Wirr-War zwischen Bereich 3 und 4?! Wir können vielleicht nicht von heute auf morgen die Toleranzgrenze der Gesellschaft verändern, wir können aber bei uns anfangen offener mit dem Thema Sexualität umzugehen. Weder bei Fremden noch bei Freunden sollte man sich im 21. Jahrhundert für seine Sexualität schämen oder zieren. Wir sitzen alle im selben Boot „LEBEN“ und wissen, dass Kommunikation in so vielen anderen Lebenslagen am Wichtigsten ist, also warum nicht auch beim Thema Sex? Mit der richtigen respektvollen Kommunikation über Vorlieben, versaute Fantasien, geheime Wünschen, wilde Lüste, verrückte Ideen, Tabus und Grenzen kann jede sexuelle Beziehung viel leidenschaftlicher, erfüllter und intimer werden als je zuvor. Natürlich möchte ich niemand suggerieren, er müsse mit jedem offen über seine Sexualität reden, aber gerade wir, die Generation „Porno“ oder „Beziehungsunfähig“, sollten lernen, bei manchen Menschen weniger über die Sexualität zu urteilen bzw. von der eigenen zu sprechen und bei bestimmten Menschen anfangen, dieses Thema intensiver zu betrachten. Und mit diesen Worten beende ich den ersten Teil “Sex-Predigt” und bin gespannt auf eure Meinungen zu diesem Thema.

Bevor ihr allerdings der Ungeduld verfallt bis zum zweiten Teil zum Thema Sexualität, könnt ihr gern die Blogposts zu ähnlichen Themen lesen:

Blogpost „Generation Beziehungsunfähig“: http://www.philippldrs.de/2017/04/16/real-talk-generation-beziehungsunfaehig-tinder-lovoo-co/

Blogpost „Das Paradoxon Liebe“: http://www.philippldrs.de/2018/02/11/dating-2-0-das-paradoxon-liebe-im-21-jahrhundert/

Blogpost „Was ist Glück?“: http://www.philippldrs.de/2018/03/17/bin-ich-gluecklich-was-ist-glueck-ueberhaupt-und-wie-finde-ich-es/

 

4 thoughts on “Generation Porno?! | Sexualität im 21. Jahrhundert

  1. Ok krass, dein Blogpost hat mich so krass zum nachdenken gebracht. Zum ersten hab ich zwei kleine Brüder (11&13) die tatsächlich ab und zu schon fragen stellen und mir das noch nie bewusst war dass es sich eigentlich wirklich schon um Sexualität dreht. Zum zweiten hast du vollkommen recht was die Hemmung angeht bei Gesprächen über Sex, Erfahrungen, gelüste was auch immer.. sollte heut zu Tage einfach nicht so sein und man sollte mit jedem Bekannten offen darüber reden können sowohl auch bei Dates ehrlich darüber reden. “Sexualität” ist quasi das erste was einen anspricht wenn man eine Person trifft, denn das erste was man sieht das äußere einer Person ist, deshalb finde ich auch dass man einfach offen und ehrlich damit umgehen kann.
    Wirklich krasser Blogpost Phil! Weiter so !

    1. Hey, vielen lieben Dank für dein ausführliches Feedback und ich freu mich natürlich, wenn das Thema bei dir zum Nachdenken anregt. Auch wenn deine Brüder gerade in einem kritischeren Alter sind, habe ich gleiche Gedanken bezüglich meines Bruders, wenn er in 10 Jahren in die Pubertät kommt. Ich hoffe bis dahin ist die Gesellschaft ein Stück offener geworden das Thema allgemein besser zu beleuchten und die negativen Einflüsse zumindest bis zu einem bestimmten Alter zu reduzieren. Ich hoffe einfach, jeder der diesen Blogpost liest und dadurch zum Nachdenken gebracht wird, trägt danach einen kleinen Teil zur Verbesserung der Gesamtsituation bei. Stück für Stück. Gedanke für Gedanke! Sie gespannt auf die nächsten Blogposts zu ähnlichen Themen!

  2. Hach ja, wie sagen wir immer so schön: Sex ist schön aber Weihnachten ist öfters 😅
    Aber ich erkenne mich auf jeden Fall wieder in deinem Post zum Thema der supergau…
    sehr gut geschrieben!

    1. Achja Jenni, genau so siehts aus. Aber egal ob man ein aktuelles Sexleben hat oder nicht, man ist dennoch den sexuellen Einflüssen der Digitalisierung ausgesetzt und entwickelt sich unterbewusst. Wie viele Abende haben wir damit verbracht über unsere persönlichen Supergau-Szenarien zu debattiere. Es wird Zeit, dass sich etwas ändert!

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